
Bischöfe und Herrscherwechsel
Bischöfe waren im 10. und 11. Jahrhundert wichtige Stützen der Königsherrschaft. Das gilt für das ostfränkische Reich ebenso wie für England. Wie Bischöfe von ihren Zeitgenossen wahrgenommen und dargestellt wurden, insbesondere im Hinblick auf ihre Rolle bei umstrittenen Herrscherwechseln, will ich vergleichend analysieren. Damit will ich den klassischen Blick auf die Bischöfe überwinden und sie nicht aus der Sicht der Könige untersuchen, als ihre Helfer und Mittelsmänner, wie das besonders für das ottonisch-salische Reich gemacht wurde, sondern ihre eigenen Aktionen ins Zentrum stellen, beziehungsweise das, was sich davon in den Quellen niedergeschlagen hat. Deshalb stehen erzählende Quellen im Zentrum, vor allem Historiographie (Geschichtsschreibung) und Hagiographie (Lebensbeschreibungen von Heiligen). Mein Ziel ist es, Wahrnehmungen und Konzeptionen des Bischofs und damit letztlich seine Rolle in der Gesellschaft des 10. und 11. Jahrhunderts zu bestimmen.
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Bischöfe in der Gesellschaft des Mittelalters

Gemeinsam mit Étienne Doublier schreibe ich ein Einführungsbuch zu Bischöfen im frühen und hohen Mittelalter (4.–13. Jahrhundert), das bei Kohlhammer erscheinen wird. Das Buch soll zum einen die Stellung und Funktionen der Bischöfe von der römischen Spätantike bis zur Stauferzeit beleuchten und wird zum anderen einige Bischöfe in kurzen Proträts vorstellen, um so einzelne Themen, für die diese Bischöfe typisch sind, näher zu beleuchten. Mit dem Buch verbinden wir das Ziel, Geschichtsstudierenden und anderen Interessierten die früh- und hochmittelalterliche Welt aus der Perspektive der Bischöfe näher zu bringen, die stärker als alle anderen Akteure als unersetzliche Vermittler des Heils und als Garanten der sozialen Ordnung galten.
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Königspfalzen

An der Universität zu Köln und an der Ruhr-Universität Bochum arbeiten mehrere Wissenschaftler:innen gemeinsam an einem Band des Repertoriums der deutschen Königspfalzen, der die Pfalzen in der Region Nordrhein behandelt. Ich bearbeite die beiden Orte Vilich und Schwarzrheindorf, die im Norden Bonns auf der rechten Rheinseite liegen. Beide Orte waren nicht in königlichem Besitz, aber verschiedene Könige haben dort auf ihren Reisen Station gemacht. Deshalb finden sich die Orte im Repertorium wieder und werden dort nach dem Schema »B« bearbeitet. Mehr zu den beiden Bearbeitungsschemata und zum Projekt insgesamt lässt sich auf Deutsche Königspfalzen digital nachlesen, einer Seite, die im Zuge der Bearbeitung des Teilbandes »Westfalen« entstanden ist. Außerdem gibt es eine Übersicht über die bisher erschienenen Bände als PDF-Datei.

In Vilich wurde am Ende des 10. Jahrhunderts eine Frauengemeinschaft gegründet. Die erste Äbtissin von Vilich war Adelheid, die später als Heilige verehrt wurde, auch wenn ihr Kult nur eine regionale Verbreitung fand (die Heiligsprechung erfolgte erst im 20. Jahrhundert, genauer gesagt 1966). Schwarzrheindorf ist nur einen Steinwurf von Vilich entfernt, etwas näher am Rhein gelegen. Dort baute der Kölner Erzbischof Arnold II. von Wied im 12. Jahrhundert eine Burgkapelle, in die nach seinem Tod ebenfalls eine Gemeinschaft religiöser Frauen einzog. Die Kirche ist nicht nur deshalb besonders, weil sie zwei Stockwerke hat und man von der unteren Ebene in die obere blicken kann (und umgekehrt), sie ist vor allem auch wegen ihrer gut erhaltenen Wand- und Deckenmalereien bekannt, die noch aus dem 12. Jahrhundert stammen.
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Mind the Gap / Mut zur Lücke
Überlieferungsinseln in Schwarzrheindorf – Kontinuitäten, Brüche und ihre Narrative in verschiedenen Disziplinen

Wie wird die Geschichte eines konkreten Ortes in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern erzählt? Welcher Stellenwert wird materiellen und immateriellen Zeugnissen und ihren Kontexten zugeschrieben? Und wie gehen die jeweiligen Fachdisziplinen mit ‚Überlieferungslücken‘ um – mit kurzen sowie langen Zeiten ohne Quellen? Diesen Leitfragen widmet sich das Projekt „Mind the Gap / Mut zur Lücke. Überlieferungsinseln in Schwarzrheindorf“ anhand eines Fallbeispiels – dem Ort Bonn-Schwarzrheindorf mit dem benachbarten Frauenkonvent Vilich. Ausgehend von der Perspektive der longue durée fokussiert das Vorhaben auf einen sowohl inter- als auch transdisziplinären Austausch unterschiedlicher geisteswissenschaftlicher Fächer.
Konkret untersucht das Verbundforschungsprojekt in einem ersten Strang den Umgang mit Überlieferungslücken in den Fächern Kunstgeschichte, Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Geschichtswissenschaft und vergleicht die in diesen drei Disziplinen vorherrschenden Narrative rund um quellenarme Zeiten, insbesondere der Spätantike und des Mittelalters, in einem interdisziplinären Zugriff. In einem zweiten Strang prüft das Projekt in transdisziplinärer Perspektive inwiefern sich bestehende Überlieferungslücken mit modernen, auch naturwissenschaftlichen Analysemethoden schließen lassen. Auf diese Weise begegnet das Projekt sowohl wissenschaftstheoretischen als auch gegenstandsbezogenen Forschungsdesideraten der einzelnen Disziplinen.
Einerseits bestehen in Schwarzrheindorf und Vilich markante Überlieferungsbefunde – andererseits scheinen diese wie Inseln von quellenlosen Zeiten umgeben zu sein. Dies betrifft beispielsweise das bereits im 20. Jh. ausgegrabene merowingerzeitliche Gräberfeld in Schwarzrheindorf, die im 10. Jahrhundert erfolgte Vilicher Stiftsgründung, die Doppelkapelle aus der Mitte des 12. Jahrhunderts sowie den seit 1361 bestehenden Jüdischen Friedhof. Die Rezeptionsgeschichte dieser ‚Inseln‘ reicht bis in unsere Gegenwart. Am Beispiel dieser Orte setzt die diachrone Betrachtung an, die fachspezifische Kontexte der Entwicklung, Tradierung und Dekonstruktion von Narrativen (Rezeptionsgeschichte) analysiert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Übernahme von Fakten sowie Hypothesen aus den jeweiligen Nachbardisziplinen, die zur Füllung bestehender Wissenslücken eingesetzt werden. Wie unterscheiden sich die einzelnen Disziplinen im Umgang mit fach- beziehungsweise quellenspezifischen Überlieferungslücken und wie kann die gemeinsame Geschichtsschreibung konstruktiv sowie angemessen kritisch gestaltet werden?
In den letzten Jahren sind Meistererzählungen in den historischen Wissenschaften vermehrt in den Fokus und zu Recht in die Kritik geraten. Derartige meist auf die Makroebene bezogene Überlegungen finden allerdings häufig keine Übertragung auf die Mikroebene der Lokalforschung. Etablierte Narrative werden gegen den individuellen lokalen Forschungsstand geprüft und aktualisiert.
Für das Frühjahr 2026 ist eine von Studierenden der drei Fachrichtungen gestaltete Ausstellung geplant, die einen reflektierten Umgang mit Geschichtsschreibung und Geschichtswahrnehmung thematisiert und einer interessierten Öffentlichkeit kommunizieren wird. Die Ausstellung und die initiale Projektphase werden durch den Transdisziplinären Forschungsbereich 5 „Present Pasts: Vergangene Welten – Zeitgenössische Fragen. Kulturen in Zeit und Raum“ der Universität Bonn im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern gefördert.
Das Projekt führe ich gemeinsam mit Dr. Hanna Christine Jacobs (Kunstgeschichte, Bonn) und Dr. des. Valerie Palmowski (Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Bonn) durch.

